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Samstag, 1. Juni 2013

Abschied von Argentinien und Chile sowie die Rückkehr des Gegenwindes

In der argentinischen Provinz Catamarca fahren wir durch weltvergessene Dörfchen. Angebundene Pferde vor den kleinen Supermärkten sind keine Seltenheit und an einem Sonntag treffen wir auf der Strasse eine Gruppe Gauchos bei ihrem Sonntagsausritt .Wir erleben herzliche Gastfreundschaft und mediales Interesse. So kommt es dass wir innerhalb weniger Tage sowohl im TV als auch im Radio ein Interview geben (obwohl wir hier gerne das Mikrofon an unseren italienischen Radkollegen Stefano weitergeben).

Wir erfreuen uns ob den vielen unterschiedlichen Gesichter der Natur. Wahrhaft gestoppt vom starken Gegenwind, verbringen wir einen Nachmittag mit dem Erkunden des Cafayate Canyons. Ein wunderschönes Plätzchen Erde. Die zerfurchten roten Steingebilde bieten uns Windschutz und ein Zeltplatz allererster Klasse.

Salta ist anschliessend überraschend modern und mit allem Komfort einer Grossstadt. Es gibt viele gut erhaltene Kolonialgebäude und die Stadt wirkt sehr gepflegt und europäisch. Einmal mehr schlemmen wir nach Radlerslust und kochen in der Herberge „Züri Gschnätzelts“. Im Gegenzug bekommen wir von den Italienern ein super leckeres Risotto mit Gorgonzola serviert.

Nur wenige Kilometer nach Salta befinden wir uns plötzlich in einem üppig grünen Urwald. Wieder einen Tag später wird das Grün abgelöst von farbigem Gestein. Während die Umgebung anschliessend trockener wird, wachsen die Kakteen immer höher gegen den Himmel. Auch wir nähern uns himmlischen Höhen. Über die steilen Serpentinen der Cuesta de Lipan erreichen wir erstmals eine Höhe von 4180 m. ü. M. Erfreulicherweise kommen wir mit der Höhenluft gut klar. Die Nächte werden kälter und morgens sind die Wasserflaschen gefroren. Nach mehreren Tagen mit Gegenwind von 80 – 90 km/h bei Temperaturen um den Gefrierpunkt kommen wir jedoch an unsere Leistungsgrenze. Obwohl die Landschaft am Paso de Jama für vieles entschädigt, nehmen wir erstmals für einige Kilometer einen „Pick-up“. Für die Abfahrt von 4800 m. ü. M. hinab in die Atacama-Wüste auf 2300 Meter steigen wir jedoch wieder aufs Rad.

In San Pedro de Atacama tanken wir dankbar wieder etwas Wärme. Die Szenerie in diesem Wüstendorf mit den schneebedeckten Anden und Vulkanen im Hintergrund ist atemberaubend. Im nahe gelegenen Valle de la Luna scheint dann trotz 20 °C noch Schnee zu liegen. Doch dieses Weiss wird niemals schmelzen, denn es handelt sich um Salz.

Nun sind wir uns nur noch ca. 200 km von der bolivianischen Grenzen entfernt. Wir sind gespannt, was uns in diesem Land erwartet.

Donnerstag, 9. Mai 2013

Von chilenischen Widersprüchen, Andenpässen und endloser Weite

16 Tage bleiben wir schlussendlich in Santiago. So lange braucht es, bis der Computer unser italienischen Freunde aus der Reparatur kommt. Glücklicherweise haben wir in dieser Zeit viel zu tun. Neben einigen Besorgungen, gilt es den Geburtstag von Albi gebührend zu feiern und am Bürogebäude unserer Gastgeberin zu arbeiten.

Dennoch sind wir schlussendlich etwas kribbelig, wieder aufzubrechen. Nicht nur sind wir nach dem vielen guten Essen um einige Kilos schwerer, auch scheinen unsere Räder bei der Abfahrt auf einmal wieder unheimlich schwer. Santiago lässt uns aber nicht einfach ziehen... Der Weg aus Santiago auf einem Rad ist legal scheinbar unmöglich. Wir treffen auf ein Tunnel, welches für Radler gesperrt ist und werden dann, bei der stattdessen gewählten Route, von der Polizei von der Strasse verwiesen. Irgendwie schaffen wir es doch die chilenische Hauptstadt zu verlassen. Ein erneuter Widerspruch begegnet uns, als wir einige Kilometer später bei einem weiteren Tunnel von der Strassenbehörde einen Transport zur Verfügung gestellt bekommen, obwohl offiziell gar keine Fahrräder auf der Strasse erlaubt wären.

Die Anden stellen sich wie eine Wand in unseren Weg. 1 ½ Tage nach Santiago stehen wir vor den Toren des „Paso los Libertadores“. Die erste „richtige“ Andenüberquerung erwartet uns. Leider ist diese Passstrasse momentan wegen Strassenarbeiten von Chile nach Argentinien nur zwischen 20:00 und 7:00 Uhr (d. h. bei Dunkelheit) befahrbar. Diese Umstände haben uns im Voraus viel Kopfzerbrechen beschwert, doch nun als wir vor der Strassensperrung stehen, fragen wir nochmals bei der Polizei nach. Erfreulicherweise ist der Polizist im Dienst der Meinung, dass es für uns besser sei, während des Tageslichtes mit Gegenverkehr zu fahren, als im Dunkeln mit Verkehr in unserem Rücken. Mit voller Freude brechen wir auf und erklimmen die ersten Höhenmeter. 10 Kilometer später finden wir einen kleinen Camping, wo wir für die Nacht unsere Zelte aufschlagen. Am nächsten Morgen sind wir um 9:00 Uhr wieder auf der Strasse. Doch nur wenige Kilometer später treffen wir wieder auf eine Strassensperre. Hier werden wir mit grossen Augen empfangen. Es scheint der Verantwortlichen unerklärlich, wie wir bis hierhin gekommen sind. Nach unseren Erklärungen fragt sie bei der Polizei nach, welche verleugnet uns die Erlaubnis gegeben zu haben, während des Tages zu fahren. Es herrscht Verwirrung und schliesslich heisst es, die Polizei komme zu uns um die Sache zu klären. Nach einer Stunde des Wartens ist keine Polizei eingekehrt, doch wir bekommen nun plötzlich die Erlaubnis weiterzufahren. Wir geniessen die 29 steilen Kehren in die Höhe. Gegen Mittag erreichen wir den chilenischen Grenzposten kurz vor der Passhöhe. Hier werden wir wiederum gestoppt und es beginnen erneut die gleichen Diskussionen. ...Wer hat euch erlaubt während des Tages zu fahren...? Diesmal kennen die Verantwortlichen kein Erbarmen und wir müssen unseren Tag beenden. Den Nachmittag verbringen wir in einem kleinen leerstehenden Container mit Kartenspiel und kleinen Snacks. Unser Plan um 20:00 Uhr ein Bus um Mitfahrt durch den für Radler gesperrten Tunnel zu bitten, wird jähe zerstört, als wir hören, dass der Pass aufgrund Schneesturm auf argentinischer Seite geschlossen wurde. Der kleine Container bietet sich als Schlafplatz an. Hie und da tauchen Leute auf und fragen, was wir hier machen. Nachdem wir jeweils die gesamte Geschichte erzählt haben, willigen sie ein, uns hier nächtigen zu lassen. Doch gerade als wir unsere Schlafmatten ausrollen, taucht der „Chef“ auf. Dieser verbietet uns hier zu schlafen. Es werde viel zu kalt nachts und somit müssen wir in die Zoll-Abfertigungshalle zügeln. Wohl eine gut gemeinte Geste – doch in diesem auf 25 °C geheizten, geschäftigen Raum bringen wir kaum ein Auge zu.

Am nächsten Morgen verziehen wir uns sofort wieder in „unseren Container“ und wärmen uns mit viel Kaffee. Um 14:00 Uhr bekommen wir dann endlich die Erlaubnis erneut aufzubrechen. In Windeseile packen wir unsere Sachen zusammen, bevor wieder jemand seine Meinung ändern kann. Bei 3 °C und leichtem Schneefall fahren wir die letzten 5 km bis zum Tunnel auf 3180 Meter über Meer. Überraschenderweise ist es hier dann wieder kein Problem uns bereits jetzt durch den Tunnel zu transportieren. Umso grösser ist die Freude als wir auf der anderen Seite auf etwas mehr Sonnenschein treffen. Die Abfahrt wartet mit atemberaubender Landschaft auf. Wir geniessen jeden Meter. In unmittelbarer Nähe der Puente del Inca stellen wir unser Zelt auf.

Am nächsten Morgen machen wir nochmals einige Kilometer zurück zum Nationalpark. Dank des stahlblauen Himmels haben wir nun beste Sicht auf den gestern noch hinter Wolken verborgenen 6962 Meter hohen Aconcagua (höchster Berg ausserhalb des Himalaya-Gebirges). Ein majestätischer Anblick.

Anschliessend radeln wir durch eine Traumlandschaft talwärts. Obwohl es tendenziell hinunter geht, sind auch einige Gegenanstiege zu bewältigen. Glücklicherweise unterstützt uns für einmal ein zügiger Rückenwind. Im Dörfchen Uspallata (Drehort für 7 Jahre in Tibet) erwartet uns plötzlich wieder vermehrt Laub und herbstlich verfärbte Bäume. Umso näher wir Mendoza kommen, umso ergiebiger die Natur und schlussendlich finden wir uns in bestem Weinanbaugebiet.

In Mendoza angekommen, geniessen wir natürlich auch „einige Schlücke“ des guten Weines. Das Preis-/Leistungsverhältnis überzeugt (1 Liter für sFr. 1.20). Somit erstaunt es wenig, dass wir am nächsten Tag alle mit einem etwas schweren Kopf wieder aufbrechen.

Nach Mendoza erwartet uns eine grosse landschaftliche Leere. Der Strassenrand gleicht in den ersten 100 Kilometer ausserhalb einer Müllhalde. Ein trauriger Anblick... Doch die spielenden Kinder vor den einfachen Lehmhütten schauen jedes Mal begeistert auf und zeigen mit ausgestreckten Armen auf die seltsamen Radler. Winkt man ihnen zu, antworten sie mit breitem Grinsen. Auf dem Weg besichtigen wir das Sanitarium der Difunta Correa. Eine Heldenfigur der Argentinier....

Schlussendlich finden wir uns wieder in der Pampa. Die Weite die wir hier erfahren, übertrifft sogar das australische Outback! Es ist ein herrliches Gefühl durch diese endlose Landschaft zu radeln. Der Verkehr ist mässig und durch die absolute Stille hört man sogar das Rascheln der vereinzelten wilden Tiere (Füchse, Hasen, Mäuse). Der nächtliche Sternenhimmel lädt zum Träumen ein.

Im Valle de la Luna Nationalpark ähnelt die Natur tatsächlich der Mondlandschaft. Man kann sich direkt die Dinosaurier vorstellen, die hier vor Millionen Jahre gehaust haben. Es ist der Fundort der ältesten Dinosaurier weltweit.

Die Cuesta de Miranda überrascht uns erneut. Der Anstieg milde und angenehm und die Abfahrt ein wahres Bijou. Ein solche Strasse sucht seinesgleichen.

Es sind nun genau zwei Wochen seit unserer Abfahrt in Santiago vergangen und 1000 Kilometer haben wir zurückgelegt. Umso mehr freuen wir uns, dass wir in Jorge einen netten Warmshower-Host gefunden haben. Im Kreise seiner Familie verbringen wir einen netten Ruhetag und geniessen das reichlich gute Essen.

Donnerstag, 11. April 2013

Auf dem Weg nach Santiago

In Argentinien erwartet uns, das gewünschte trockene Wetter. Das Landschaftsbild ändert sich abrupt und wir befinden uns sogleich wieder in der uns bekannten, endlosen und windigen Pampa. Der Wind ist jedoch bei weitem nicht mehr so stark und zermürbend wie im Süden Patagoniens, und lässt uns gut vorankommen. Es hat schon fast etwas meditatives in dieser eintönigen aber dennoch sehr abwechslungsreichen Gegend Fahrrad zu fahren.

Das angenehme Wetter lässt uns tagsüber mit kurzen Hosen und T-Shirt fahren. In der Nacht und am Morgen sinken die Temperaturen dann aber merklich ab. Eines Morgens müssen wir sogar warten, bis die ersten Sonnenstrahlen die Berggipfel überstrahlen und unser Zelt vom Frost befreien.

Der Reihe nach durchfahren wir die touristischen Anziehungspunkte der Region. San Carlos de Bariloche, auch bekannt als „Argentinische Schweiz“ mit vielen Wandermöglichkeiten, klaren Seen, Bergen und Schokolade. Die Siete Lagos Route (7 Seen Route) mit ihren vielen einladenden Seen ist zwar sehr schön und anschaulich, doch die vielen Reisecars mit den einheimischen Touristen, welche von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt rasen, zerstören etwas die Idylle. Nach einer schönen, doch verregneten und kalten Andenüberquerung nach Chile, erreichen wir die Touristenstädtchen Pucon und Villarrica. Beide Städtchen liegen am Lago Villarrica und verdienen ihr Geld mit den Touristen, welche vor allem vom Vulkan Villarrica, einem der aktivsten Chiles, angezogen werden.

Sonnenuntergang auf der 7 Lagos Route

Vulkan Villarrica

Die Autobahn, welche schnurstracks in die Hauptstadt Santiago führt, lässt uns aufgrund ihres riesigen Verkehrsaufkommens, auf die weniger befahrene Strasse an den Pazifik ausweichen. Hier erleben wir das wohl richtige Chile mit weltvergessenen Dörfchen, in denen wir wie Ausserirdische betrachtet werden. Wahrscheinlich sind hier noch nicht viele Tourenradler durchgefahren...

Die Küste Chiles ist sehr rau und zerklüftet, wir kommen nur selten nahe an den eher grau wirkenden Ozean. Wir besuchen Fischmärkte, stellen unser Zelt am Strand auf und erfreuen uns über das authentische Chile. Fernab von Strom und fliessendem Wasser erfahren wir aber auch grosse Gastfreundschaft.

Als wir dem Pazifik den Rücken wieder zudrehen, radeln wir durch bestes Anbaugebiet des weltberühmten chilenischen Weins. Wir können es uns nicht nehmen, an einem Weingut zu stoppen und den einen oder anderen edlen Tropfen zu köstigen.

Weindegustation mit unseren Fahrradkollegen aus Italien

Die letzten Kilometer in die 6 Millionen-Metropole legen wir auf der Autobahn zurück. Die breiten Seitenstreifen machen das Fahren erträglich und so erreichen wir Downtown sicher. Wir freuen uns auf ein paar fahrradfreie Tage, mit der Aussicht hier ein bisschen die Beine hochzulagern und die Annehmlichkeiten einer Grossstadt zu geniessen.

Dienstag, 2. April 2013

Carretera Austral – die Traumstrasse des Südens

Lange Zeit war dieser südliche Abschnitt Chiles nur per Flugzeug oder Schiff erreichbar. Der Grund liegt an dem unwegsamen Gebiet, welches aus dichtem Regenwald, engen Fjorden und topografischer Unebenheit besteht. Erst seit 1999 ist Villa O'Higgins erschlossen und zusammen mit dem Grenzübertritt nach Argentinien, wird die Route durchgängig und für Tourenradler speziell interessant, da sie eine gute Alternative bietet zur in Argentinien parallel verlaufenden windigen Ruta 40.

Wir starten also voller Vorfreude und werden nicht enttäuscht. Vor uns eröffnet sich eine prächtige Bergwelt, deren schneebedeckten Spitzen sich in glasklaren Bergseen spiegeln. Die zum Teil extremen Steigungen der Strasse lassen unsere Oberschenkel und Waden brennen und zwingen uns sogar manchmal abzusteigen und zu stossen.

An den ersten Tagen werden wir vom Wetter verwöhnt und geniessen die Landschaft bei Sonnenschein und warmen Temperaturen. Manchmal stoppen wir spontan an einem der vielen schönen Seeen, entledigen uns unserer verschwitzten Radlerkluft und springen ins erfrischende Nass. Uns begegnen auf dieser einsamen Strasse nur wenige Autos, dafür umso mehr Fahrradfahrer. Die Tourenradler kommen aus aller Welt und wir holen uns in kurzen oder langen Gesprächen hilfreiche Tipps für die Weiterreise.

In Coyhaique, die mit 45'000 Einwohner mit Abstand grösste Stadt weit und breit, geniessen wir drei Ruhetage. Wir verbringen gefühlte Stunden in den riesigen Supermärkten und kaufen das eine und andere für den kommenden Abschnitt ein, welcher wieder nur mit kleinen Dörfchen und teuren „Tante-Emma-Lädchen“ auf uns wartet.

Die Carretera Austral ist auch als sehr regenreiche Region bekannt. Die Regenwolken stauen sich hier vor den immer höher werdenden Anden und entleeren sich regelmässig, ja sogar dauerhaft. Dieses Wetter bekommen wir dann plötzlich mit voller Wucht ab und so gönnen wir uns nach bisher vorwiegend freiem Campen in der Natur, für die nächsten Tage jeweils eine einfache Unterkunft, in welchen wir unsere Sachen wieder trocknen können. Der viele Regen ist aber auch verantwortlich für diesen grünen Regenwald mit den riesigen Blättern und Farne, welche uns zum Staunen bringen.

Nach über 1000 km auf zum Teil übelster Schotterstrasse verlassen wir diese Traumstrasse in Richtung Landesinnere, wo uns in Argentinien wieder feinster Asphalt und trockenes Wetter erwartet....

Freitag, 1. März 2013

Abenteuerlicher Grenzübertritt

Auf unserer bisherigen Route hatten wir bereits mehrmals die Grenze von Argentinien nach Chile - und umgekehrt - passiert, doch was uns an diesem Grenzübertritt erwartete, ist an Anstrengung und Abenteuer kaum zu toppen. Doch alles der Reihe nach...

Die letzten Kilometer kämpfen wir nochmals so richtig gegen den Wind und erreichen müde El Chaltén; ein kleines, überteuertes Städtchen am Fusse des schönen Mount Fitz Roy.

Schon hunderte Kilometer weiter südlich hatten wir von Reisenden von einer Frau namens Florencia Lopez erfahren, welche Globetrotter aus aller Welt aufnimmt und mit ihrer Gastfreundschaft verwöhnt. Mit diesen Infos brauchen wir uns nur im Dorf umzuhören und schon bald stehen wir mit Sack und Pack vor einem unscheinbaren, kleinen Haus, durch dessen Fenster uns bereits einige Gäste von Flor zuwinken. Anfangs sind wir noch ein bisschen verunsichert. Das Innere gleicht eher einer Baustelle (Spanplatten, lose Kabel, etc.), doch die Herzlichkeit dieser Familie lässt uns bald aufblühen. Da unsere Gastgeber kein Englisch sprechen, haben wir dann auch die Möglichkeit, unser noch immer sehr wortkarges Spanisch etwas aufzubessern. Wir sind einmal mehr überwältigt von dieser Art der unkomplizierten Gastfreundschaft und geniessen zwei herrliche Tage bei Flor, Mario und den beiden Söhnen.

mit unseren Gastgebern in El Chaltén

Gut erholt und bei Sonnenschein fahren wir anschliessend weiter. 37 km Naturstrasse bringen uns an den Lago del Desierto. Am Ufer dieses wunderschön gelegenen Sees, besteigen wir ein kleines Boot, welches uns auf die gegenüber liegende Seite bringt. Am anderen Ende packen wir unserer Räder und holen uns beim kleinen argentinischen Grenzposten den Ausreisestempel. Unsere Passdaten werden sorgfältig per Hand in das eigens dafür gestaltete Buch übertragen. Das Zelt dürfen wir auf der angrenzenden Wiese aufstellen und wir geniessen die wunderschöne Aussicht auf den See und den majestätischen Fitz Roy. Zeitig schlüpfen wir in unsere Schlafsäcke um für den morgigen Tag gerüstet zu sein.

Lago del Desierto mit Blick auf den Fitz Roy

Als wir am nächsten Morgen erwachen, scheint das Wetter stabil. Das ist für die anstehende Grenz-Überquerung sicher von Vorteil, denn gemäss Aussagen entgegenkommender Fahrradreisender, sei die Überquerung bei Regen beinahe unmöglich. Wir packen also unsere Sachen zusammen und gehen mit unseren Rädern los. Der Einstieg in den Wanderweg ist noch flach, doch bereits nach hundert Metern geht es ziemlich steil den Berg hinauf. Das Fahren auf diesem Pfad ist unmöglich und so entscheiden wir uns, jeweils ein Rad nach dem anderen zu zweit zu stossen. Manchmal aber gräbt sich der Pfad so tief ein, dass wir alle Taschen entfernen müssen, um diese separat zu transportieren. Somit laufen wir diese Strecken schlussendlich dreifach. Der Wanderweg führt über Wurzeln, durch Sümpfe und über kleine und grössere Flüsse. Wir finden gefallen an der Anstrengung und harmonieren immer besser. Als wir schliesslich nach 4 Stunden und 6 Kilometern den Pass erreichen sind wir stolz und glücklich, das Gröbste geschafft zu haben. Nun sind es noch 16 Kilometer Abfahrt zum chilenischen Grenzposten. Die Strecke ist nun wieder breiter und wir können die meiste Zeit fahren. Doch der grobe lose Schotter und das extreme Gefälle zwingen uns auch hier zeitweise abzusteigen. Bei den netten Grenzbeamten im verlassenen Holzhäuschen bekommen wir zur Belohnung ein Visum für weitere 90 Tage in Chile.

da hilft nur noch schieben...

Überquerung eines Baches

Zufrieden begeben wir uns langsam an den verlassenen Bootsteg nochmals zwei Kilometer weiter. Von hier werden wir, und eine Hand voll Wanderer und andere Radreisende, Stunden später mit dem nur 3x wöchentlich verkehrenden Boot abgeholt und nach Villa O`Higgins, dem südlichsten Ort der Carretera Austral, befördert.

Abfahrt auf grober Schotterpiste

Sonntag, 10. Februar 2013

Patagonien

Der Wind findet wohl in jeder Erzählung über Patagonien seinen Platz. Auch für uns war der Wind in den letzten Wochen allgegenwärtig. Der Wind bestimmt unseren Tagesablauf, macht uns hungrig, manchmal nervös und er lässt uns abends immer erschöpft ins Zelt steigen, um dann wieder ob den Geräuschen des Windes zu erwachen. Konkret veranlasste uns der Wind in den letzten Tagen zur Tagwache zwischen 4:00 – 5:00 Uhr, um in den windarmen Stunden nach Sonnenaufgang möglichst weit voranzukommen. Doch während der Wind mit uns spielt, uns wie ein Spielball von einer Strassenseite zur anderen blasen kann, kann er uns die Freude am WeitErfahren nicht nehmen. Die patagonische Pampa wird wohl von manchem motorisierten Reisenden als langweilig bezeichnet. Für uns ist es wieder diese Weite mit endloser Landschaft und langsam sich ändernder Natur zwischen versengtem Gras und weiten Blumenwiesen, die uns in ihren Bann zieht. Obwohl man den (Gegen-/Seiten-) Wind während des Fahrens oftmals verflucht, so stärkt er uns auch mental und macht irgendwie dankbar.

Nach ca. 550 km treffen wir erstmals auf Radreisende mit selber Fahrtrichtung. Stefano & Alberto (Italien) sowie Peycho (Bulgarien) haben vorläufig die gleichen Ziele. In Punta Arenas erholen wir uns bei Ruhetagen und viel gutem Essen. Anschliessend ziehen wir zu fünft weiter. Es ist motivierend als Reisegruppe unterwegs zu sein, können wir uns gegenseitig Mut zusprechen und abends das Nachtessen so richtig zelebrieren.

In Puerto Natales beschliessen wir die Räder eine Weile stehen zu lassen und gemeinsam eine 7 Tageswanderung im Torres del Paine Nationalpark zu unternehmen. Der „Circuit“ führt in 123 km um das Paine-Massiv. Campingplätze sind vorhanden, doch muss der kostenbewusste Wanderer alles Essen selbst mitbringen. Der lange Einkaufszettel umfasst unter anderem 7 kg Pasta, 3 kg Würste, 70 Brote, 2 kg Guetzli, 1 kg Schokolade etc... Mit entsprechend schweren Rucksäcken treten wir die Wanderung an.

Der John Gardener Pass passieren wir bei leichtem Schneefall und starkem Wind. Der uns bietende Blick auf den Grey Gletscher ist jedoch atemberaubend. Für uns das totale Highlight der Wanderung, fern der grossen Touristenmasse. Beim Aussichtspunkt auf die 3 Torres geniessen wir dann bestes Wetter und baden sogar unsere müden Füsse im kalten Gletschersee.

Mit gemischten Gefühlen steigen wir wieder aufs Rad. Der Wind ist uns diesmal jedoch wohlgesinnt und das erste Mal auf dieser Reise fahren wir mit Rückenwind. Wie herrlich! 40 km/h ohne jeglichen Kraftaufwand sind nicht aussergewöhnlich. Man kann sich sogar ohne eine Pedalumdrehung aus dem Stand anschubsen lassen. Wir geniessen diese Kilometer, sind wir uns doch bewusst, dass beim nächsten Strassenknick dieses Glück wieder ein Ende findet.

Nun sind wir in El Calafate eingetroffen und erfreuen uns wieder einmal ob den Annehmlichkeiten eines Ortes mit Supermarkt, Bäckerei und das morgendliche Ausschlafen!